Männer und Gitarren.

Männer und Gitarren (Der Artikel erschien ursprünglich in englischer Sprache, mit Abbildungen und Tonaufnahmen.)

My God is rock n roll. It s an obscure power that can change your life. The most important part of my religion is to play guitar.

Lou Reed 11/98: „The Gospel according to Lou“( www.nyrock.com/interviews/loureed_int.htm )

Preisgesänge an ein Objekt der Macht

Für mich beginnt alles damit, daß ich an einem tristen Sonntagnachmittag ca. 1965 im elterlichen Wohnzimmer sitze und gebannt auf die Mattscheibe starre. Der letzte Beitrag des Wochenspiegels bringt den Auftritt einer Musikgruppe im Löwenkäfig. Vier Männer, von denen drei sich Elektrogitarren umgeschnallt haben, spielen ein Stück mit dem Titel Help. Der vierte Musiker sitzt mit Drumsticks bewaffnet vor seiner Schießbude. Mit Hilfe dieser magischen Instrumente werden die Löwen gezähmt; sie gähnen gelangweilt. Bei jugendlichen Musikfans war die Reaktion auf die Fabulous Four, wie man die Beatles in Anspielung auf ihre Superheldenkräfte auch nannte, eine andere. Besonders weibliche Teenager gerieten in hysterische Zustände der Verzückung.

Dieses mythische Urbild (Daniel in der Löwengrube) lenkte mein Interesse, mein Begehren auf die Gitarre, dieses Objekt der Macht, vermöge dessen man selbst in scheinbar auswegloser Situation (in der Gefahr aufgefressen zu werden) triumphieren kann und dadurch zum Helden wird. Ähnlich dem Schwert, der Lanze etc. ist die Gitarre ein Attribut des Helden, allerdings mit einer positiven, kreativen Qualität. Sie vernichtet das feindliche Objekt nicht, im Gegenteil sie erschafft etwas: einen Schutzraum, eine schützende Kraft… ähnlich wie eine Tarnkappe oder ein Zauberstab.

Mein Heranwachsen wurde von solchen Helden begleitet. Es waren Männer mit Gitarren. Ich erinnere mich, wie Rory Gallagher sich mit gesenktem Kopf einen Weg durch die Zuschauermenge bahnt. Links und rechts hängen an Gurten zwei zerschrammte Fender Gitarren von den Schultern. Auf der Bühne, unterstützt von den erdenden Kräften von Bass und Schlagzeug, entfachte er dann ein Feuerwerk, daß die Zuschauer zu aufmerksamer Hingabe und Begeisterungsstürmen bewegte. Auch Jimi Hendrix war ein solcher Pyrotechniker, der in einem Stadium ekstatischer Entrücktheit, mit geschlossenen Augen wie die Verkörperung eines Gottes wirkend, vor einer Wand aus Marshall-Verstärkertürmen steht und die pure elektrische, männliche Energie aus dem schlanken Körper seiner Fender Stratocaster Gitarre hervorkitzelt oder herauswringt.

Dabei erscheint dieser Traumkörper der Gitarre abwechselnd als Phallussymbol oder als Frauenkörper. Ich empfinde aus der Sicht des Gitarristen. Für mich hat die Gitarre eher einen weiblichen Charakter – B.B. King gibt seiner Gitarre einen Frauennamen Lucille. Es ist ein Körper, den der Gitarrist mit seiner männlichen Energie auflädt, um aus ihm den befreienden Klang zu gebären.

In meinem Prozeß der Aneignung der Gitarre und des damit verbundenen Kultes der Gitarre, gab es eine lange Reihe von Männern, von denen ich die Übertragung erhielt. Es waren Männer wie: John Lee Hooker, Eric Clapton, Hubert Summlin, Howlin Wolf, Volker Kriegel, Rob Krieger, John McLaughlin, Jerry Garcia, John Cippolina, Carlos Santana, Hannes Wader, Bob Dylan, Muddy Waters, Lightnin Hopkins, Keith Richards, Lou Reed, Mick Taylor, Greg Allman, Tom Fogerty, Pete Townshend, Neil Young, Ali Farka Toure, Jeffrey Lee Pierce, Howe Gelb, Billy Bragg… eine Reihe, die sich fortsetzen läßt. Aber ich wollte durch diese Aufzählung einmal den wichtigsten meiner Heroen die Referenz erweisen. Alles Männer, die mit ihrem Instrument auf die Bühne traten (die reale oder die virtuelle des Tonträgers), ihre Magie entfalteten und einen Eindruck davon in mir hinterliessen, der mich dazu bewegte, wieder und wieder und viele tausend Stunden lang, den Traumkörper der Gitarre an mich zu ziehen und in die Saiten zu greifen. Was ich hier beschreibe, ist eine persönliche Erfahrung, die in den Einflussbereich der Übertragungslinie eines bestimmten Wissens gerät. Eines Wissens, daß man auch als eine Macht (power) bezeichnen kann. Das Wissen darüber und die Macht dazu, bestimmte Erfahrungsrealitäten umzuwandeln oder zu transformieren. Die Übertragungslinie, die ich anspreche ist die des Blues und des Rock ’n‘ Roll und einiger Varianten dieses Spiels.

Übertragungslinien

Das Prinzip der Übertragungslinie bezieht sich nicht nur auf das Gitarrenspiel, sondern gilt im Prinzip für jede Form menschlicher Tradition. (Ich entlehne diesen Begriff aus der buddhistischen Terminologie. siehe Sogyal Rinpoche,1995: Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, O.W.Barth Verlag). An einer Übertragungslinie partizipieren, bedeutet, daß ich einsteige in eine Tradition der menschlichen Kultur und dadurch mit anderen Menschen im kulturellen Geflecht vernetzt und verankert werde. Wenn ich ein Instrument aufnehme und den Umgang damit erlerne, dann schließe ich mich damit an eine Übertragungslinie an. Die einfachsten Techniken, z.B. das Anschlagen einer Saite gehen in der Übertragung über eine Kette von Individuen zurück auf den ersten Gitarristen oder Saiteninstrumentspieler. Es entsteht sozusagen eine energetische Verbindung.

Das Wissen, daß auf mich übertragen wird, kommt aus der Vergangenheit und wurde von einer langen Kette von Praktizierenden aufgenommen, gepflegt, entwickelt und weitergereicht. In der Praxis des Gitarrespielens besteht dieses Wissen aus vielen Teilbereichen, in die ich in einem langwierigen Prozeß eingeweiht werde. Die Wurzeln dieser Überlieferungen sind uns nicht bekannt und trotzdem ist gewiss, daß eine direkte Verbindung dorthin besteht. Deshalb kann ich dieses Phänomen der Übertragung auch als einen Energietransfer bezeichnen; als einen Fluss subtiler Energien. Schon dadurch, daß ich eine Gitarre überhaupt in die Hand nehme, trete ich mit dieser Übertragungslinie in Kontakt, begebe ich mich in die Aura der Gitarre. Und so kann die Gitarre und ihr Kult für den Praktizierenden zu einer Quelle der Kraft werden. Das zentrale Wissen eines Praktizierenden bezieht sich darauf, wie man seine mentalen Energien (Empfindungen, Gefühle, Gedanken) kanalisieren und zum Ausdruck bringen kann. Ich bearbeite Empfindungen, Gefühle, Gedanken auf eine ganz spezifische Art. Ich bringe sie zum Ausdruck, indem ich ihnen eine Darstellungsform gebe, die sich in diesem Falle der Gitarre als eines Werkzeuges oder Hilfsmittels bedient.

Einige Besonderheiten der Gitarre

Eine Gitarre ist ein antropomorph geformter, schwingungsfähiger Kasten (ein Resonanzkörper), der über das Anzupfen der darauf gespannten Saiten zum Schwingen gebracht wird. Beim Spiel lege ich diesen Kasten auf meinen Schoß und halte ihn so gegen Bauch und Brust, daß die Schwingungen auf meinen Körper übertragen werden. In der Blues- und Rockmusik, auf deren Kult ich mich besonders beziehe, wird diese Schwingungsmasssage des Rumpfes während des Spiel mit rhythmischen Schlägen durchgängig aufrecht erhalten. Zu dieser Form der Praxis gehört auch, das der Spieler seine Empfindungen, Gefühle, Gedanken in einem monologischen Gesang zum Ausdruck bringt und ihnen so zusätzlich eine äußere sprachliche Form gibt. Daraus resultiert eine emotionale Entlastung, die Verarbeitung von Erlebnissen und eine Stärkung der Selbstgefühle.

Tondokument Nr. 1: John Lee Hooker My first wife left me auf The Blues Legend, Timewind 50031/

In meiner Erfahrung hilft der schwingende Resonanzkörper der Gitarre außerdem der Entfaltung der Stimme. Die Gitarre wirkt sozusagen wie eine externe Stimmstütze oder wie ein Verstärker. Die Gitarre wird so zu einem Objekt der Macht. Es ist für den Gitarristen wichtig und ein mit Bedeutung aufgeladener Akt, wie er sein Instrument erwirbt. Ist es ein besonderes Geschenk, das er erhält oder muß er sich selbst bemühen, Hindernisse überwinden, um sein Instrument zu erwerben? Für den Gitarristen verbinden sich Erinnerungen, Anekdoten, Episoden sinnhaften Charakters mit seinem Instrument und dem Umgang damit. Mit diesem Objekt der Macht erschafft er Klangräume, Traumräume, Gefühlsräume, Räume der Bewältigung. Nicht nur die Überväter, die Heroen der Gitarre, sind für den Praktizierenden in seinem Prozess der Aneignung wichtig, sondern auch das soziale Netz der gleichrangigen Adepten, mit denen er sein Wissen austauscht (Kenntnisse über Gitarren, Riffs, Licks, Kniffe etc.) und mit denen er am Mythos der Gitarre strickt. So wird die Gitarre eine Lebensbegleiterin und Helferin. Woody Guthrie, ein amerikanischer Urvater des Protestsongs, sah die Gitarre als eine Waffe gegen das Böse. Er hatte auf sein Instrument geschrieben This guitar kills facists. Und auf ähnliche Weise laden junge Gitarristen ihr Instrument zusätzlich auf, wenn sie ihre Botschaften (Punk rules oder dergleichen) auf dem Korpus einritzen. Die Gitarre als Ausdrucksmedium männlicher Kraft leistet aber auch in der Liebeswerbung gute Dienste. Das Liebeslied, unterstützt von den magischen Klängen der Gitarre, errreicht die Umworbene auf der Gefühlebene. Hier verstärkt die Gitarre die Potenz der Liebeswerbung. In Zeiten der Entbehrung und des Verlustes kann die Gitarre mich bei der Trauerarbeit unterstützen oder mir als eine Art Übergangsobjekt Trost spenden.

Und was bedeutet die Gitarre für den Musiktherapeuten? Was ich mir angeeignet habe, in diesem Prozess der Verinnerlichung und Auseinandersetzung mit dem Kult der Gitarre, das habe ich bei mir, wenn ich mit meinen Patienten zusammen bin und das kann ich einbringen in den gemeinsamen Prozess. Es ist die Fähigkeit, mit meinen Gefühlen auf gestaltende, bewältigende Weise umzugehen, sie umzuwandeln, aufzuladen oder Entladung zu bewirken, sie aufzuwirbeln oder zu beruhigen. Und all das Kraft meiner Gitarre als einem Objekt der Macht.

Ich will an einigen konkreten Beispielen beschreiben, welche Erfahrungen ich mit der Gitarre in der Musiktherapie gemacht habe.

Eines meiner Arbeitsfelder ist die Psychiatrie im Justizvollzug. In einer offenen MT-Gruppe mit fünf Männern im Alter von ca. 20-45 Jahren hatte ich einen Patienten mit der Diagnose: Politoxicomanie, drogeninduzierte Psychose. Im alltagssprachlichen Jargon würde man sagen ein Junkie. Der Mann wirkte in den ersten Stunden in sich gekehrt und mißtrauisch. Seine Teilnahme an unseren musikalischen Aktivitäten war zurückhaltend. Er spielte während der Improvisationen Maracas und seine Beiträge zum Gruppengespräch waren einsilbig. Da machte ich in einer Stunde den Vorschlag, gemeinsam ein Stück von Jimi Hendrix anzuhören. Hey Joe (The Jimi Hendrix Experience, 1967 auf der Reprise-LP Are You Experienced) ist eine Bluesballade, in der ein Mann besungen wird, der seine Freundin erschießt, weil sie ihn mit anderen Männern betrügt. Das Stück, ursprünglich von Billy Roberts, wurde in den 60ern von verschiedenen Künstlern interpretiert. In der Aufnahme von Hendrix mit seinen genialen Sologitarrenparts ist es berühmt geworden.

Nach dem gemeinsamen Hören beobachtete ich, dass mein Klient emotional stark berührt war. Er bekam feuchte Augen und erzählte auf nachfragen, dass er sich an Bekannte aus seiner Drogenkarriere in früheren Jahren erinnert habe, die zum Teil schon verstorben seien. In der folgenden Stunde bat er mich dann, ob ich das Stück auf der Gitarre spielen könnte und war auch bereit, sich an der musikalischen Gestaltung zu beteiligen. Danach war er positiv gestimmt und äußerte sich anerkennend zu meinem Gitarrenspiel. So entwickelte sich die Basis für eine therapeutische Beziehung, in der ich meinen Klienten dabei unterstützen konnte, sich allmählich aus seiner akuten Depression hervorzuarbeiten.

Hier zeigt sich, wie wichtig individuelle Ressourcen des Musiktherapeuten für die therapeutische Arbeit sind. In diesem konkreten Fall eben das musikalische Repertoire und die Fähigkeit, sich in die Erlebniswelt des Klienten einzufinden und eine passende Musikauswahl zu treffen. Mit der Gitarre kann ich Brücken schlagen zu den Klienten und sie motivieren, sich in der Therapie, speziell beim gemeinsamen Musizieren, zu engagieren Im letzten Jahr hatte ich zwei Mal die Gelegenheit, in der Einzeltherapie ausschließlich mit der Gitarre zu arbeiten. Bei beiden Patienten war eine drogeninduzierte Schizophrenie diagnostiziert worden.

Der erste Patient, ein extrovertierter, ständig agierender Reggae-Fan ließ sich in einer Musiktherapiegruppe nicht integrieren, weil er sich kaum disziplinieren konnte und alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Musik war für ihn ein zentrales Thema seiner Selbstdefinition. In seinen manischen Allmachtsfantasien sah er sich als berühmter Popstar vor einem Millionenpublikum. Als sich zeitlich die Gelegenheit bot, machte ich ihm das Angebot, ihn in einer wöchentlichen Einzelstunde Gitarre spielen zu lehren. Ich erhoffte mir von dieser Methode die Möglichkeit, ihn mehr auf dem Boden der Realität zu verankern, seine gestörte Konzentrationsfähigkeit zu trainieren, seine sprunghaften Gedanken auf eine Aufgabe zu richten.

Der Reggae-Superstar Bob Marley war sein großes Vorbild. Und über die Identifikation mit diesem Gitarren-Heroen fand er die Motivation, sich auf diese neue Aufgabe des Gitarrespielens einzulassen. Es war schön, zu beobachten, mit welch großem Interesse er sich dem Lernziel zuwandte und wie er von Mal zu Mal besser bei der Sache bleiben konnte. Durch unser gemeinsames Projekt entwickelte er eine positive Einstellung zu mir und akzeptierte auch, daß ich ihm Anregungen für sein Verhalten im Alltag mitgab. Er begann auf seine Körperpflege und sein Erscheinungsbild zu achten, seine Gitarrenunterlagen geordnet bereitzuhalten und zur vereinbarten Zeit nicht im Bett zu liegen, sondern mich bereits angekleidet zu erwarten, damit keine Zeit verloren ging. Auf diese Weise leistete das musiktherapeutische Angebot einen Beitrag zur Rückorientierung auf die Realität, bei der Aneignung von Copingstrategien und bei der Reintegration in einen geregelten Alltag.

Der zweite Patient war introvertiert und neigte dazu, sich in seine Zelle zurückzuziehen. Er wirkte mißtrauisch und selbstunsicher. In einer ersten Einzelstunde zur Kontaktaufnahme, bei der ich sein Spiel mit den Maracas auf der Gitarre begleitete, äußerte er Gitarre habe ich schon immer spielen wollen, aber es ist halt nichts geworden. Und so vereinbarten wir, daß er von mir Unterricht erhalten sollte.

Es zeigten sich gravierende Lerndefizite bei meinem Klienten, der nur eine Sonderschule besucht hatte. Es fiel ihm schwer, abstrake Inhalte umzusetzen. Als ich ihm beispielsweise ein Griffdiagramm aufzeichnete, konnte er dies nur mit geduldiger Hilfe in eine Fingerposition auf der Gitarre umsetzen. Es war mein Ziel, den Klienten mit Aufmerksamkeit und freundlicher Hinwendung aufzuladen und ihm Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, um auf diese Weise eine Stärkung seines geringen Selbstwertes zu erreichen. Er sollte sich angenommen und gefördert fühlen, ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen. So sollte eine Grundlage für persönliches Wachstum entstehen.

In der 10. Stunde etwa hörte ich von ihm im Stundenrückblick zum ersten Mal, daß er den gemachten Fortschritt positiv bewertete. Ich gab ihm kleine Hausaufgaben. Er sollte beispielsweise den Songtext von Marmor, Stein und Eisen bricht in seiner Zelle abschreiben um das Umsetzen vom Visuellen ins Motorische zu trainieren und war beeindruckt, als er diesen Vorschlag zur nächsten Stunde tatsächlich umgesetzt hatte. (Später berichtete mir der behandelnde Arzt, er habe den Patienten als Legastheniker eingestuft. Er habe angegeben, er könne nicht schreiben!) Ich nahm diese Entwicklung als Anzeichen dafür, dass er seine Depression zu überwinden begann.

Als nächstes möchte ich von zwei schwerst geistig behinderten Gitarristen berichten. Ein blinder Mann war mir im Förderbereich einer Behindertenwerkstatt in einer Musiziergruppe aufgefallen. Er bat immer wieder darum, auf meiner Gitarre spielen zu dürfen. Er stand von seinem Platz in der Runde auf, tastete sich mit ausgestreckten Armen quer durch den Raum zur Gitarre und sobald er die Saiten ertastet hatte, blieb er vor mir stehen und begann mit den Fingern in gleichenmäßigen Schwüngen die Saiten anzureißen. Mit fordernder Stimme sagte er einfach Gitarre! und kicherte dann vor Freude. Wenn nach der Stunde etwas Zeit blieb, gab ich ihm die Gitarre auf den Schoß. Er hielt sie sicher in den Armen und begann mit gleichmäßig streichenden Bewegungen der rechten Hand einen beständigen Bordunsound zu erzeugen. Dazu gab er in eigentümlich nasalem Singsang einen Text von sich, der seine alltäglichen Erlebnisse und deren Höhepunkte widergab. Entsprechend seiner frühkindlichen Entwicklungsstörung verfügt er über einen eingeschränkten Wortschatz und stark vereinfachte Syntax. Mit der Straßenbahn – Krankenhaus – Fr.Dr.Müller – nicht wehgetan. Er wiederholt solche Gedankenketten in seinem Gesang immer wieder, hängt verschiedene Sätze hintereinander, benutzt Versatzstücke aus Liedern, die er kennt. Er benutzt das Material, wie es ihm gerade einfällt. Insgesamt erzeugt er so eine Musikform, in der ich Ähnlichkeiten zu Musiziertraditionen wie etwa dem Blues erkenne. Die Hingabe zum Spiel, die ich bei diesem Mann beobachtete, beeindruckte mich stark. Er versank ganz in seiner Tätigkeit und geriet dabei in ekstatische Erregung. Er begann zu schwitzen und sein Gesicht zeigte große Erregung, fast schon Besessenheit und erreichte damit eine Eindrücklichkeit, wie man sie im Vortrag von berühmten Künstlern erleben kann. Nachteilig daran war, daß er ganz seine Selbststeuerung verlor und gar nicht wieder aufhören konnte. Wie ich später erfuhr, hatte er in solchen Erregungszuständen schon mehrfach seine Instrumente zerstört und sich dabei gelegentlich auch selbst verletzt.

Es ergab sich die Möglichkeit, in seiner Wohnstätte einen Musiktherapieplatz für ihn einzurichten. Er war bei seinen Betreuern durch selbstverletzendes Verhalten (Bißnarben auf dem Handrücken) aufgefallen. Als Therapieziel bezeichneten wir die Förderung der Fähigkeit, Erregungszustände besser zu steuern. Ich setzte mich dafür ein, daß eine Gitarre für ihn angeschafft wurde. Seine Freude über dieses Weihnachtsgeschenk war überwältigend. Er war sehr stolz auf seine Gitarre und kam gut motiviert zu den Therapiestunden. Meine ursprüngliche Vorstellung, ihm das Gitarrespiel im herkömmlichen Sinne beizubringen, mußte ich bald aufgeben. Das entsprach nicht seinen Möglichkeiten. Ich stimmte die Saiten der Gitarre offen zu einem Akkord und ließ ihn mit dem Bordun, den er dann spielte, einfache Volks- und Kinderlieder begleiten. Ich achtete dabei darauf, daß er lernte Anfang und Ende eines Liedes mit mir gemeinsam zu gestalten. Und auch Anfang und Ende der Stunde wurden durch entsprechende Lieder kenntlich gemacht. Im Verlauf der Therapie beobachtete ich eine Entwicklung, in der die inneren Spannungen, die zu seinen Selbstverletzungen geführt hatten, soweit nachliessen, daß seine Hände abheilen konnten. Er konnte also seine Erregung besser steuern. Geistig Behinderte bedürfen in besonderem Maße der Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit von Ereignissen. Eine Therapiestunde die wöchentlich stattfindet hilft beim Ordnen die Zeitstruktur, schafft ein Stück mehr Sicherheit. Ein individuelles Hobby, befestigt die Identität und das Gefühl der Meinhaftigkeit. Eine zusätzliche Bezugsperson gibt einen zusätzlichen Anker in der sozialen Umwelt. Ich will also nicht sagen, daß allein die Gitarre dies bewirkt hätte, aber sie hat es begleitet, ist damit also assoziiert und wird ihn auch weiterhin begleiten.

Bei einem anderen Bewohner der gleichen Wohnstätte konnte ich ebenfalls beobachten. wie die Gitarre eine starke Faszination ausübte. Dieser ebenfalls blinde, schwerst geistig behinderte Mann kann kaum sprechen, aber eins seiner etwa zehn differenzierbaren Worte heißt la-la-la und bedeutet Musik. Immer wenn ich die Gitarre nahm, um mich beim Singen zu begleiten, kam er auf mich zugekrabbelt, um selbst darauf zu spielen. Trommeln interessierten ihn zwar auch, aber der Gitarre galt sein ganz besonderes Interesse. Nach einiger Zeit hat sich unser Therapiesetting so eingespielt, daß er auf einer Matte sitzt, auf der ein großes Kissen ihm Gelegenheit gibt, sich zwischendurch immer wieder hinzulegen und sich auszuruhen. Die Gitarre liegt in Griffweite und er zupft die Saiten mit der Hand. / Photo, behinderter Gitarrist/ Bildunterschrift: Dieses Bild zeigt einen behinderten Gitarristen. Vergleichen Sie es mit dem ersten Photo. Wirkt der Gesichtsausdruck nicht gleichermaßen entrückt?/ Wir musizieren nach dem Call-Response Prinzip. Wenn er seine Gitarre einmal angespielt hat, antworte ich mit ein paar Tönen von meiner Gitarre oder ich schlage auf meine Trommel. /

Tondokument Nr 3, behinderter Gitarrist /

Ich habe einmal Aufnahmen von einer solchen Stunde gemacht und sie den Betreuern der Wohngruppe gegeben. Wenn mein Klient zwischendurch im Tagesverlauf schlecht gelaunt war, hat man ihm die Casette auf seinen Recorder vorgespielt und beobachtet, wie er sehr aufmerksam zuhörte und seine Stimmung sich besserte. Therapie leistet in diesem Falle einerseits die Aufgabe der Begleitung und eines Ereignishöhepunktes im Alltag des Patienten. Sie trägt aber auch bei zur Verbesserung seiner Lebensqualität. Als Therapeut bin ich eher als die Betreuer in der Lage, die Beziehungsqualität in den Mittelpunkt unserer Interaktion zu stellen und damit einen besonderen Beitrag zum Erleben dieses schwerst behinderten Mannes beizusteuern.

Die Gitarre ist auch hier das Medium welches den Zugang zum Klienten auf besondere Weise unterstützt. Warum übt die Gitarre auf manche Menschen eine so starke Anziehung aus? Ich habe zu Beginn beschrieben, wie ich selbst es erlebt habe, immer noch erlebe, und wie ich mir die Wirkungszusammenhänge erkläre. Die beschriebenen Klienten hätten vermutlich eigene Ideen dazu, was sie zur Gitarre zieht. Gerade im Hinblick auf die geistig Behinderten finde ich diese Fragestellung interessant. Ich vermute, dass es hier die ganz basalen Reizqualitäten sind, die das Instrument bietet. Die Attraktivität der Gitarre erschließt sich auf verschiedensten Ebenen.

Ich selbst nutze inzwischen sogar das Internet auf der Suche nach verschollenen Gitarristen, ihren Tricks, Licks und Geschichten. Aber am Ende finde ich mich immer wieder mit dem Traumkörper in Händen. Weil ich zum Beispiel etwas nachspielen will oder weil ich einer bestimmten Idee nachgehen, einem Gefühl nachspüren möchte. Und schließlich, weil ich einfach spüre, dass ich ein Teil bin dieser Tradition der grossen, globalen Gemeinschaft aller Musiker und natürlich speziell der Männer mit Gitarren. Vorbehalt: Die hier beschriebenen Klienten sind keine konkreten Personen, sondern setzen sich aus verschiedenen Anteilen unterschiedlicher Personen zusammen. Einführende Diskographie:

Quicksilver Messenger Service – Happy Trails

Captain Beefheart – Ice Cream for Crow

The Jimi Hendrix Experience – Are You Experienced

The Greatful Dead – Dead (Live)

John Lee Hooker – Blues for Life

Ali Farka Toure – Radio Mali

The Velvet Underground – The Best of the…

The doors – Strange Days

The Gun Club – Fire of Love

The Go-Betweens – Liberty Belle and the Black Diamond Express

Bob Romanowski, Berlin im Herbst 2002

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch in der Fachzeitschrift Music Therapy world (online) und kann folgendermaßen zitiert werden: Romanowski, B. (2003) Men and guitars – Personal experience with the guitar in music therapy. Music Therapy Today (online) Vol IV, Issue 2 (April) available at http://musictherapyworld.net