Musiktherapie im Strafsystem.

„Möglichkeiten und Grenzen der Musiktherapie mit psychiatrischen Patienten im Strafsystem“

30.10.2007 – NÖ Landesakademie, Krems/Österreich 30.10.2007
Best Practice Day: Musiktherapie -Psychiatrische Klinik im Strafvollzug

Dies ist die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags, den ich auf Einladung von Dr. Gerhard Tucek dem Leiter von I.M.A.R.A.A. (International Music & Art Research Assoziation Austria) an der Landesakademie Niederösterreich gehalten habe. Die Veranstaltung hatte folgende Ziele:

Überblick über den Stand der Anwendungen vermitteln
Bewusstsein für den Nutzen der Praxisanwendung bei den beteiligenden Berufsgruppen schaffen beziehungsweise stärken
Optionen der Etablierung in NÖ erörtern

Vor dem Hintergrund dieses Auftrages erörtere ich im Folgenden die Bedingungen, Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Musiktherapie im Strafsystem.

Der Volksmund bezeichnet meinen Arbeitsplatz als Knast. Ich verstehe ihn als den Ort, an dem das aufgefangen werden soll, was in anderen Bereichen der Gesellschaft schief gelaufen ist. Der Knast ist keine optimale Antwort auf das Problem der kriminellen Devianz und der Dissozialität… er ist aber die Antwort, die wir in der Gesellschaft bis heute gefunden haben, er ist die, durchaus deprimierende, Realität.

Seit ziemlich genau 10 Jahren arbeite ich als Musiktherapeut in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Krankenhaus der Justizvollzugsanstalt Berlin in Berlin-Charlottenburg. Das Krankenhaus versorgt die JVA Berlin, die in Berlin in verschiedene Bereiche an verschiedenen Standorten gegliedert ist. In Berlin gibt es etwa 5000 Häftlinge.

Dies sind also die Arbeitszusammenhänge in denen ich die Erfahrungen gesammelt habe, über die ich hier berichte.

Ich will zunächst die Rahmenbedingungen beschreiben. Die Abteilung (APP) ist in den vergangenen Jahren mehrfach umgezogen. Zuletzt in einen Neubau. Sie befindet sich jetzt im gleichen Gebäude mit einer Station für Innere Medizin (Fotos hierzu kann ich Ihnen nicht zeigen, es ist mir nicht gestattet). Der Umzug erfolgte im Frühsommer 2007, wir sind jetzt dabei, uns in die neuen Verhältnisse einzuleben und die Struktur anzupassen. Leider wurde die Klinik wegen Geldmangels nicht so gebaut wie ursprünglich geplant, sondern mehrfach reduziert (Berlin ist bekanntlich Pleite – wir leben und arbeiten unter den Bedingungen des permanenten Ausgabenstops). Es gehört aber auch zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, daß die Öffentlichkeit eher nicht bereit ist über ein Mindestmaß hinaus in den Strafvollzug zu investieren…. es widerspräche der verbreiteten Einstellung, daß es sich hier um eine Strafmaßnahme handelt. Den Häftlingen wird nur daß vermeintlich absolut Nötige zugestanden.

Ich erwähne dies hier um anzuzeigen: das Leben im Knast ist nicht einfach, nicht für die kranken Häftlinge aber auch nicht für das Pflegepersonal und andere Mitarbeiter.

Die APP besitzt 3 Stationen für insgesamt 40-45 Patienten (es werden nur Männer aufgenommen und behandelt) – plus 1 Station für die Nachsorge (als ein Übergangsraum). Die Mitarbeiter des Teams sind Ärzte, Therapeuten, Psychologen, ein Sozialarbeiter, eine Oberärztin und der Leiter der Klinik.

Das therapeutisches Angebot in der Klinik sieht so aus: psychiatrische Behandlung durch die Ärzte, Ergotherapie (handwerkliche und gestalterische Angebote im therapeutischen Setting), Sporttherapie, Physiotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, Angebote der Psychologen (es sind durchweg Praktikanten mit den Angeboten: Gespräch, Psychose-Gruppe, soziales Training, Entspannung)

Die Therapie innerhalb einer Institution findet zu den Spielregeln der Institution statt, sie ist davon gefärbt. Dazu gehört eine rigide Zeitstruktur mit einem Dienstplan, mit Übergabezeiten, der Einschluss zu bestimmten Zeiten, 1 Stunde Hofgang pro Tag, die ärztliche Visite. Dahinein müssen sich alle anderen Aktivitäten fügen. Das sind inhärente Zwänge des Strafvollzuges, die sich auf alle dort Beschäftigten auswirken. Darüber hinaus gilt das Regime der verschlossenen Türen und weiterer Sicherheitsauflagen, die begrenzte Qualität der Einrichtung, begrenzte Ressourcen des Haushalts.

Der Auftrag an das Behandlungsteam, das Behandlungsziel lautet: die Patienten soweit stabilisieren und „gesund“ machen, daß sie wieder in den normalen Justizvollzug überführt werden können, die Härten des normalen Strafvollzugs aushalten können. Heilen bedeutet in diesem Fall, den Patienten zu helfen, möglichst unbeschadet (an Leib und Seele) durch den Strafvollzug zu kommen.

Die Verweildauer in der Klinik beträgt im Schnitt ca. 50 Tage. Die Patienten sind Häftlinge (Untersuchungshäftlinge und „Strafer“) deren psychische Probleme unter der Haft manifest wurden. Die Haft verursacht eine Reihe auslösender Faktoren für das manifest werden von psychischen Störungen – bei Menschen mit entsprechender Prädisposition/Vulnerabilität. Ich meine den Stress, der durch die Deprivation der Haft entsteht. Der Verlust der Freiheit hat weitreichende Folgen. Er bedeutet Verlust des sozialen Umfelds, Verlust von sozialem Status, Verlust materieller Werte wie Wohnung und Auto, Verlust des Beziehungspartners und der Freunde, Gefährdung durch Ausweisung. Dies sind Risikofaktoren für die psychische Gesundheit, weil sie den Menschen in seiner Lebensbasis stark verunsichern.

Ich will einige der Probleme benennen mit denen die Patienten in das Krankenhaus, in die Therapie kommen. Es sind Probleme, die in einer erfolgreichen Resozialisation angegangen werden müssen. Die Therapie denke ich mir als einen integrierten Teilbereich der Resozialisation.

Viele Patienten kommen aus den Randbereichen der Gesellschaft, von ganz unten, aus dem Abseits. Sie haben wenige Ressourcen mit denen sie ihre gesellschaftliche Position verbessern könnten.

Dies betrifft ihre schlechten Voraussetzungen: Fehlende Schulbildung, fehlende Berufsbildung als Grundlage für eine geregeltes Einkommen und gesichertes Leben. Es fehlen häufig die mentalen Voraussetzungen (damit ist nicht vorrangig die Intelligenz gemeint) um in der Schule klarzukommen oder in der Berufsausbildung. Dementsprechend begegnen uns im Knast meist jüngere Männer ohne eine richtige Ausbildung. Es fehlen grundlegende Fähigkeiten und soziale Kompetenzen um sich integrieren zu können und durch ein adäquates Auftreten und Verhalten in der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Hinzu kommen Sprachprobleme – die mangelnde Fähigkeit sich adäquat aus zu drücken. Ursachen hierfür findet man sowohl im Migrations-Hintergrund als auch in anders begründeten Bildungsdefiziten. Besonders relevant für die psychische Gesundheit ist die Fähigkeit über Gefühle und das eigene Erleben zu sprechen; bei den Patienten besteht oft eine Art Sprachlosigkeit, was das innere Erleben angeht.

Ein gravierendes Problemfeld ist dissoziales Verhalten – ein ungebührliches, abweisendes, beleidigendes Verhalten im Umgang mit anderen Menschen (Pflegepersonal und anderen Häftlingen), ohne das hierfür ein hinreichender Anlass gegeben wäre. Das ist eine der Härten dieser Arbeit für die Mitarbeiter, denn diesen Umgang muß man aushalten und verarbeiten.

30-40 % der Häftlinge haben einen Migrations-Hintergrund. Die Migration bringt neben den Sprachproblemen auch andere Probleme mit sich: fehlende Integration in das Lebensumfeld sowie Entwurzelung bezüglich der Herkunftskultur und in der Folge Identitätsprobleme gerade in der 2. und 3. Generation.

Sehr verbreitet ist bei den Häftlingen die Sucht- und Drogenproblematik mit Stoffmißbrauch, Süchten allgemein, sowie Politoxicomanie (Gebrauch multipler Suchtstoffe).

Warum kommen Häftlinge in die Klinik? Manche Menschen werden im normalen Strafvollzug körperlich krank andere fallen durch ihr Verhalten auf z.B. durch Rückzug,Verwahrlosung, Suizidversuche oder Selbstverletzungen (Ritzen, Schnippeln, Schneiden, Verschlucken von Gegenständen, Formen der Autoagression) oder durch ungezügeltes, aggressives Verhalten gegenüber anderen Häftlingen sowie durch Randalieren und Zerstörung der Zelleneinrichtung etc. Sie können im normalen Strafvollzug nicht mehr verwahrt bzw. betreut werden (die Justizangestellten obliegen der Fürsorgepflicht), weil sie sich und andere gefährden oder weil aus anderen Gründen der Eindruck entsteht, daß sie krank sind (z.B. bei manischem Verhalten, Zwangsverhalten).

Wenn dies eintritt werden sie ins Krankenhaus überführt, von Ärzten untersucht und entsprechend der Diagnose weitergeleitet. Bei psychischen Problemen landen sie in der APP, werden dort auf eine der Stationen eingewiesen.

Welche psychischen Störungen werden von den Ärzten diagnostiziert? Es gibt Patienten mit dissozialen Verhaltensformen und durch Suizid Gefährdete. Darüber hinaus gibt es starke Anteile an schizophrenen Psychosen, sowie schizoiden und wahnhaften Störungen und Abhängigkeitssyndromen. Sehr häufig sind auch die affektiven Störungen (Depressionen) sowie Persönlichkeitsstörungen ( z.B. Borderline), gelegentlich posttraumatische Belastungsstörungen. Häufig umfassen die Diagnosen auch verschiedene Störungen bei einem Patienten.

In der Therapeutenbesprechung die 1 mal wöchentlich unter Mitwirkung von Ärzten, Pflegern und Therapeuten stattfindet, werden die Patienten für die verschiedenen Therapien zugeteilt. In der Regel hat der Arzt dies zuvor mit den Patienten im Gespräch abgestimmt z.B. in der Visite. Teil meiner Arbeit ist es dann, Kontakt zu den Patienten aufzunehmen, und mit ihnen die Teilnahme an der Therapie zu vereinbaren.
Bei einem Teil der Patienten stoße ich auf Abwehr – sie wollen nichts machen, was irgendwie fremd, anstrengend oder verunsichernd sein könnte. Im Vorgespräch kläre ich die Kandidaten auf – musikalische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich – und versuche ihnen einen niederschwelligen Zugang zu ermöglichen.

Weshalb erwarten die Behandelnden von den verschiedenen Therapieformen einen günstigen Einfluss auf die Patienten? Eine einfache Erklärung ist: Es handelt sich um normale/gesunde Verhaltensformen, die in den Therapien geübt werden.

In der Ergotherapie gestalten die Patienten z.B. im Umgang mit Materialien und Werkzeugen alltägliche Gegenstände (z.B. Aschenbecher, Basecaps, dekorative Objekte). Dabei befinden sie sich möglichst in einer Gruppe, in Kontakt mit anderen Menschen, müssen sich mit ihnen abstimmen.

In der Sporttherapie oder auch teilweise in der Physiotherapie geht es um Bewegungsabläufe, die für den Menschen normal sind, für die unsere Physis, unser Körper angelegt ist, die für uns allgemein vorgesehen sind und die uns gesund erhalten.

Die Kunsttherapie wendet sich an das Bedürfnis zur ästhetischen Gestaltung und zur Verarbeitung mentaler Prozesse im Bildnerischen. Es geht darum etwas Inneres in einem nicht-sprachlichen Prozeß nach außen zu bringen, auf die Ebene des Bildes oder der Skulptur, damit es dann besprochen und bewusst gemacht, bzw. bearbeitet werden kann.

Es besteht die Erwartung und Erfahrung, daß diese Angebote den Patienten helfen, ihre mentalen Prozesse wieder in Einklang zu bringen und die Krise zu überwinden.

Auf das Gebiet der Musiktherapie will ich näher eingehen. Dieses Angebot wurde vor 10 Jahren in der APP eingeführt. Ich arbeite 6 Zeit-Stunden pro Woche – wie im Honorarvertrag vorgesehen. Ich soll damit möglichst viele Patienten versorgen. Dementsprechend biete ich Gruppentherapie an: 2 Gruppen mit 4-6 Patienten, die Therapiestunde á ca. 45-65 Minuten. Hinzu kommen Therapeutenbesprechungen, Vorbereitungszeiten etc.

Musiktherapie verstehe ich als ein psycho-therapeutisches Angebot. Sie ist die Therapieform, die sich der Musik als Medium bedient – zur Erreichung unterschiedlicher Ziele. Musik und das musikalische Erleben gehören zu den Grundmodalitäten menschlicher Kultur. Musik ist eine uralte Kulturform. Sie dient der Psychohygiene und der sozialen Integration. Musik ist eine Schlüsseltechnik um Kontakt und Synchronisation zwischen Menschen, in menschlichen Gruppen, zu gewährleisten. Musik ist eingebettet in soziale Bezüge und erfüllt dort diese Funktion -z.B. in der Kirche, in der Oper, beim Militär, beim Tanz, beim Open Air Festival oder bei Raves und auch bei der Love Parade – mit dem Ziel Harmonie, Gleichklang, Katharsis (emotionale Entlastung) herbei zu führen.

Wenn ich jetzt von Musik rede, meine ich also etwas Weiteres als den alltäglichen Musikbegriff. Ich frage meine Patienten gelegentlich: was ist Musik? Und erhalte dann alltägliche Beschreibungen wie: das, was aus dem Radio kommt vom CD-Player. Instrumente, Rhythmus, Noten, Hip-Hop, Techno…

Ich denke, Musik ist mehr. Aus der Perspektive des Therapeuten kann ich sagen: Musik ist eine vorsprachliche Form der Verständigung – denken Sie an Wiegenlieder, zum Beispiel „Schlaf´Kindchen schlaf´“. Das ist eine Art, etwas miteinander zu machen, wobei man sich aufeinander einstellt, sich miteinander abstimmt. Die Mutter nutzt das Wiegenlied um den Erregungszustand des Kindes günstig zu beeinflussen, damit es sich beruhigt und einschläft. Indem Sie für das Kind diese sanfte Melodie singt und summt, macht sie ihm auf vorsprachliche Weise vor, was sie von ihm möchte: es soll sich beruhigen. Wenn diese Kommunikation funktioniert, schläft das Kind dann ein. Zudem ist Musik etwas, was viel Spaß machen kann, was einen tief bewegt und unterschiedliche Gefühle hervorbringt.

In tiefer, direkter Beziehung zur Musik stehen der Tanz, das Fest. Musik ist immer auch Bewegung – ohne Bewegung gibt es keine Musik – und zwar Bewegung, die einer formalen Regel folgt oder mit den Regeln spielt. Gemeint ist sowohl die äußere als auch die innere Bewegung . Wir folgen der Entwicklung und Dynamik, dessen was sich in der Musik ereignet. Natürlich ist Musik auch ein Spiel – man spielt Musik.

Der Spaß und die bewegten Gefühle entstehen aus dieser Erfahrung, im Kontakt zu sein mit anderen Menschen, mit ihnen gemeinsam angerührt zu sein und in ein gemeinsames Kontinuum einzutauchen, eingehüllt von der Musik, sich zu bewegen und zu verständigen. Auch wenn wir eine Tonaufnahme von einem Musikereignis hören, sind wir auf eine sekundäre Weise auch berührt. Das hat allerdings nicht die Intensität die entsteht, wenn man der Musik als einem aktuellen Ereignis beiwohnt. Musik die gerade entsteht, hat die Fähigkeit, auf den Moment, auf die aktuelle Situation und Atmosphäre einzugehen. Es entsteht ein Feedback zwischen allen aktiv und auch passiv Beteiligten.

Mit diesem Angebot komme ich als Musiktherapeut zu meinen Patienten. Ich biete Ihnen an: spielt mit mir, kommt in den Kontakt, kommt herein in diesen vorsprachlichen Spielraum, lasst uns das gemeinsam erleben und gestalten. Und später stelle ich dann Fragen dazu: was haben wir denn jetzt gemeinsam erlebt. Dies, ausgehend von der Prämisse: Es ist für uns wichtig, Erfahrungen zu versprachlichen, uns einen Begriff zu machen, um unser Verhalten beschreiben, einordnen, werten und verändern oder anpassen zu können. Dies speziell ist ein therapeutischer Ansatz.

Wenn Sie diesen Artikel lesen, und nicht bei meinem Vortrag anwesend sind versuchen Sie sich Folgendes vor zu stellen. Wir können jetzt mal kurz etwas ausprobieren…. dabei bekommen Sie schon einen kleinen Einblick in Selbsterfahrung, in das, was Musiktherapie ist, was man in der Musiktherapie erlebt. Es ist eine Therapieform mit Selbsterfahrungsangeboten. Es geht darum, sich selbst in einer bestimmten Situation gemeinsam mit einem anderen Menschen oder in der Gruppe zu erleben und sich darüber untereinander auszutauschen. Und dies ereignet sich in einem geschützten, haltgebenden Rahmen, der für Selbsterfahrungsprozesse notwendig ist. Denn die Therapie steht unter dem Prinzip der Leitung, wird von einem ausgebildeten Therapeuten angeleitet… und in dieser Funktion sorge ich dann für die entsprechende Disziplin und interveniere, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Das sind dann auch Situationen, die besonders fruchtbar sind, weil sich an Ihnen etwas exemplifizieren lässt. Nämlich, wie gemeinschaftliche Interaktion gelingt oder eben nicht gelingt.

In der Vortragsversion dieses Beitrags lade ich die Anwesenden ein, an dieser Stelle mit mir zusammen zu zu singen. Es handelt sich um ein indianisch getöntes Motiv „na-na-na-na, na-na-na-an, hey-hey-hey – Good bye (nach einem populären Titel der Pop-Gruppe Steam aus den 60er Jahren: „Kiss him Good-bye“)

Danach fahre ich fort: Sie hatten jetzt Gelegenheit zu einer kurzen Selbsterfahrung. Sie hatten ein Erlebnis, als wir eben versuchten, gemeinsam diese Melodie zu singen. In der Therapie würde sich jetzt die Gelegenheit bieten für ein Feedback zu der Frage: Was haben sie erlebt?

Bei einem Teil der hier Anwesenden stand vermutlich der Spaß am Singen im Vordergrund. Vielleicht hatten Sie Assoziationen und Erinnerungen dabei. Andere reagierten vielleicht eher verärgert und hatten keine Lust, „was soll das jetzt hier, das ist doch wohl eher kindisch, passt nicht in diesen Rahmen“, könnte jemand denken.
Schließlich gibt es manche, die wollen gar nicht mitsingen – z.B. aus Scham, die eigene Stimme könnte unangenehm klingen, „was denken dann die anderen“. Dies sind einige möglich Reaktionsformen. In einer Therapie fängt an dieser Stelle die therapeutische Arbeit an – indem man herausarbeitet, was diese Reaktionsmuster bedeuten. Wie und was hat der einzelne erlebt?

Darüber hinaus, welche Funktion erfüllt eigentlich das gemeinsame Singen für die menschliche Gemeinschaft? Es ist eine lustbetonte Tätigkeit zur Förderung der Sozial- und Psychohygiene. Es ist eine Tätigkeit, die die Interaktion in der Gruppe verbessert. Es führt zu einem Gefühl des Dazugehörens und Einbezogenseins in das gemeinsame Tun (Gemeinschaftsgefühl). Es ist ein Einschwingen auf einen gemeinsamen Rhythmus, oder eine Melodie – die alle mit verfolgen. Stellen Sie sich das einmal vor!
Beim Singen atmen wir gemeinsame ein und aus, wir erzeugen in synchroner Weise Schwingungsmuster mit unseren Stimmbändern, wir bewegen unseren Mund, unsere Sprechorgane im gleichen Bewegungsmuster. Wir schwingen uns aufeinander ein und verbessern damit die Harmonie in der wir uns als Gruppe befinden.

Das gemeinsame Singen ist eine der möglichen Methoden in der Musiktherapie. Je nach dem Störungsbild meiner Patienten kann ich aber auch andere Angebote machen, die dann gerade passen. Ich gehe hierbei nicht nach „Schema X“ vor, sondern lasse mich in der Situation mit den Patienten inspirieren, was jetzt an der Reihe ist, wie wir am besten ansetzen können.
Wenn es in der Arbeit mit den Patienten besonders schwer wird, wenn sie keine Lust haben, gelangweilt sind, sich nicht einlassen mögen, wenn sie also Widerstände haben, dann gelingt es mir gelegentlich, spontan etwas Neues auszudenken, was den Prozeß wieder in Gang bringt – und wenn dies gelingt ist es für die Beteiligten und natürlich auch für den Therapeuten besonders befriedigend.

Verschiedene musiktherpeutische Aktivitäten die ich APP anbiete (es gibt noch andere Methoden in der Musiktherapie):
Musikhören (Klangerfahrung mit therapeutischen Instrumenten oder Konserve plus Gespräch)
gemeinsames Singen und Musizieren (z.B. populäre Songs – ich spiele dabei Gitarre)
Improvisation (frei oder mit Regeln) mit einfachen Instrumenten (Perkusssion)
Singen von Liedern zum Spracherwerb – dies ist eine Methode die ich speziell für die Arbeit im Strafvollzug entwickelt habe
Rhythmisieren (z.B. mit Schamanentrommel und anderen Perkussionsinstrumenten)
Bewegung zur Musik
Gitarrenunterricht in d. Einzeltherapie
spontane Interventionen als Antwort auf die Reaktion eines Klienten (z.B. Rollenspiel mit Instrumenten, Darstellen einer Gefühls- Erlebnislage)
Klientengespräche als gezielte zusätzliche Intervention außerhalb der Gruppenstunde, z.B. bei disziplinarischen Problemen

Die Struktur einer Gruppenstunde ist dreigliedrig. Zuerst eine Begrüßung in der Neuankömmlinge eingeführt werden. „Die Stunde steht unter dem Motto, wir machen das was geht!„ Der Hauptteil der Stunde wird möglichst spontan aus der Situation heraus gestaltet. In der Schlussrunde wird die Möglichkeit gegeben das Erlebte abschließend zu bewerten und ein Ausblick auf die nächste Stunde wird gegeben.

Welches sind die Therapieziele? Der niederländische Musiktherapieforscher Henk Smejsters hat über „Die therapeutische Wirkung der Musik“ gearbeitet (Smeijsters 1997) und eine Reihe von Studien über Depression und Schizophrenie ausgewertet. Er kam dabei zu Ergebnissen, aus denen ich in allgemeinster Form 2 Faustregeln wiedergebe, die für die Indikation von Musiktherapie als eine Art „Baseline“ gesehen werden können.

Faustregeln:
1. Singen vermindert Ängste (paranoide Tendenzen, Misstrauen gegenüber Klinikpersonal)
2. Improvisation aktiviert (Rückzugstendenzen, negative Effekte der Hospitalisierung)

Darüber hinaus verfolgt der Einsatz von Musiktherapie eine Fülle von Zielen. Da es sich bei Musiktherapie, in meinem Verständnis, um eine ganzheitlich geprägte Methode handelt, erhebe ich nicht den Anspruch sämtliche Aspekte der Zielgabe zu benennen. Ich gebe hier eine Auswahl.

Ziele:
Wohlbefinden allgemein steigern durch die günstigen Effekte des gemeinsamen Musizierens
Stimulierung der Atmung und Vitalfunktionen durch Singen und Bewegung
Stimmungsaufhellung bewirken
Ablenkung von problemfixiertem Denken und Grübeln
Emotionen durch Affektabfuhr entlasten (z.B. durch lautes Trommeln Wut entlasten)
Mitgefühl und Trost in der Gruppe erleben
Selbstwert steigern durch Erfolgserlebnisse
Motivation zur Mitarbeit verbessern
Ressourcen freilegen
Erweiterung des geistigen Horizonts durch neue Erfahrungen
Kreativität fördern – die Fähigkeit neue Lösungen zu finden
Selbstwahrnehmung und Selbstbewußtheit steigern z.B. durch Orientierung auf das Erleben der eigenen Stimme und die Wirkung des eigenen Tuns allgemein
Verbesserung der Außenwahrnehmung durch gelenktes Zuhören (Instrumente im Kontext wahrnehmen)
Fremdwahrnehmung wird gefördert indem die Wahrnehmung auf andere Teilnehmer gelenkt wird
Gruppendynamik erleben und bewusst machen
Verhaltensmuster bewusst machen
Verhaltensveränderung bewirken (Fehleinstellungen, dissoziales Verhalten)

Musiktherapie ist keine abgeschlossene Methode, die auf die gleiche Art und Weise in jeder Situation angewandt werden kann. Es handelt sich um eine Kreativtherapie wo der Therapeut immer wieder angehalten ist, auf phantasievolle, erfinderische Weise auf die Bedürfnisse der Klienten einzugehen, um sie bestmöglich zu betreuen, zu unterstützen und zu begleiten im Heilungsprozess – zu heilen in dem Sinne, daß der Patient lernt auf gesunde Weise selbst für sich Initiative zu ergreifen. Aufgabe des Therapeuten ist es weiterhin, die speziellen Bedürfnisse des Klientels in einer bestimmten Institution zu erkennen, das Setting entsprechend zu gestalten und anzupassen, um dann in diesem Spielraum mit dem Patienten zu arbeiten.

Wichtige Wirkmechanismen innerhalb der Musiktherapie sind: Kommunikation, Beziehung , Selbsterfahrung und Reflexion, die beinhaltet, daß man das Erlebte beschreibbar macht, versprachlicht. Die Versprachlichung von Gefühlen, Erlebnissen, Konflikten wird dann die Grundlage für gute zwischenmenschliche Beziehungen. Denn sie ermöglicht die Bewusstwerdung eigener Verhaltensmuster, wie sie sich in der musikalischen Interaktion auch darstellen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, immer wieder Ängste und Widerstände zu überwinden (Ablehnung, Verweigerung, Selbstentwertung, Entwertung des Therapeuten). Dies kann gelingen in einer guten, freundlichen, zugewandten Atmosphäre als einer heilsamen, wachstumsfördernden Umgebung.

Diese Ziele sind nicht leicht zu erreichen, denn die Institution „Knast“ ist nicht ursprünglich ein wachstumsfördernder Ort, eher ein gefährdender, krank machender. Das zeigt sich exemplarisch z.B. im Verhalten von Pflege- und Wachpersonal wenn so genannte „Übertragungsphänomene“ auftauchen, wenn das dissoziale Verhalten der Patienten auf das Personal abfärbt, wenn es sozusagen infiziert wird. Hinzu kommen besondere Härten des Lebens, die man im Knast miterlebt. Etwa die Ausweisung von Asylbewerbern in totalitäre Staaten. Es sind Schwierigkeiten mit denen der Therapeut umgehen muß.

Eine Hilfe für Therapeuten und andere Mitarbeiter ist die Supervision durch erfahrene psychotherapeutische SupervisorInnen. Supervision kann dann ein Ort sein, an dem man Empathie und Verständnis erlebt, Schwierigkeiten bespricht, Frustrationen verarbeiten und Anregungen erhalten kann. Obwohl die Supervision eigentlich eine der Grundbedingungen für das Gelingen therapeutischer Arbeit ist, konnte sie in unserer Institution bisher nicht integriert werden. Das Angebot wurde von den Pflegern und Krankenschwestern nicht angenommen, sondern tendenziell eher abgelehnt. Der Grund hierfür könnte unter anderem darin liegen, dass Supervision nicht von vornherein als notwendig vorgeschrieben wurde.

Für die Zukunft müssen wir in der Gesellschaft lernen, Menschen die in das Abseits der Delinquenz oder unter das Stigma der Psychiatrie geraten sind, auf neuen Wegen in eine gesellschaftlich integrierte und akzeptierte Lebensweise zu führen. Musiktherapie und andere Kreativtherapien können dabei helfen, denn sie fördern das Empfinden für ein produktives Miteinander und einen bewussten Umgang mit den eigenen kreativen Ressourcen auch in Konfliktsituationen.

Literatur:
Smeijsters, Henk :Die therapeutische Wirkung der Musik – Ergebnisse der Forschung, in: Musiktherapie in der klinischen Arbeit: integrative Modelle und Methoden / von Müller, Lotti und Petzold, Hilarion G. – Stuttgart; Jena; Ulm;: G. Fischer 1997

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